Mit Vielfalt zum Erfolg / Ein Kommentar des SPD-Kreisvorsitzenden zur Schulpoltik

Welche Chance auf Bildung hat ein Kind, liebe Leserinnen und Leser? Dass das in Deutschland neben der Intelligenz und der gezeigten Leistung auch stark von der sozialen Herkunft abhängt, ist ein Skandal, an den wir uns nicht gewöhnen dürfen. Aber damit nicht genug. Es gibt noch einen weiteren Zufall, der über die Türen entscheidet, die einem Jungen oder einem Mädchen in Niedersachsen offenstehen. Das zeigen die Zahlen, die die Landesregierung auf eine Anfrage meiner Fraktion hin präsentiert hat.

Danach gibt es regional sehr auffällige Unterschiede beim Übergang nach Klasse vier auf die weitergehenden Schulen. Erhalten in der Stadt Oldenburg stolze 54 Prozent der Kinder eine Empfehlung fürs Gymnasium, sind es im Kreis Holzminden nur 22,5 Prozent. Für unseren Kreis Rotenburg liegt diese Quote bei 35,4 Prozent. Das sind fast fünf Prozentpunkte unter dem Landesdurchschnitt. Wir haben also keinen Grund, die Hände in den Schoß zu legen, sondern müssen weiter alles daran setzen, endlich aufzuschließen. Alle unsere Nachbarkreise können nämlich bessere Zahlen vorweisen – Verden, Harburg und Osterholz sogar je rund 43 Prozent. Und das liegt sicher nicht daran, dass die Kinder dort klüger sind.
 
Wie können wir die Situation verbessern? Dafür kenne ich kein Patentrezept. Aber es gibt interessante Korrelationen. Eine davon: Alle vier Kreise, die im ländlichen früheren Regierungsbezirk Lüneburg hinsichtlich der Gymnasialempfehlungen über dem Landesdurchschnitt liegen – neben Verden, Harburg und Osterholz ist das auch der Kreis Lüneburg – haben Integrierte Gesamtschulen. Aus dieser Tatsache wird man bei aller Vorsicht zumindest diesen einen Schluss ziehen können: Vielfalt in der Bildungslandschaft nützt eher, als dass sie schadet.

An den landesweit 60 IGSen wurden zum Schuljahreswechsel gut 12.000 Kinder angemeldet. Platz war nur für knapp 9.000. Man sieht: Die Nachfrage nach dieser Schulform ist groß. Die von der Landesregierung weiterhin geforderte Fünfzügigkeit verhindert dringend gewünschte Neugründungen, gerade auf dem Land. Unser Kreis ist bisher leer ausgegangen.

Da erscheint es fast wie Hohn, dass von den in Niedersachsen neu geschaffenen Oberschulen drei sogar die vorgeschrieben Mindestgröße von lediglich zwei Parallelklassen unterschreiten. Natürlich mit Billigung durch die Landesregierung. Denn diese Schulform – im Grunde die Fortsetzung der alten Haupt- und Realschule – ist eben ideologisch gewollt. Das zeigt sich auch in der Bevorzugung hinsichtlich der Klassenstärken. Steht an der Oberschule eine Lehrkraft im Mittel vor 21,9 Kinder, muss sie an der Realschule Klassen mit 24,3 Jungen und Mädchen unterrichten, am Gymnasium 27,2 Kinder und an der IGS sogar 28,3. Das ist ungerechte Politik sowohl gegenüber den Schülern als auch gegenüber ihren Lehrern.

Liebe Leserinnen und Leser: Lassen Sie uns unseren Landkreis Rotenburg zu einer Bildungsregion entwickeln. Mit Ihrer Hilfe werden wir nach der Landtagswahl in einem Jahr dafür kräftig Rückenwind aus Hannover haben. Bis dahin wünsche ich Ihnen persönlich zwölf gute Monate.

Ihr Ralf Borngräber