Offener Brief an die großen Lidl-Märkte im Landkreis Rotenburg

Sehr geehrte Filialleiterin, sehr geehrter Filialleiter,
sehr geehrte Damen und Herren,

als der Stern und Stern.de in der vergangenen Woche über
Bespitzelungen von Lidl-Mitarbeitern berichteten war ich – wie sehr viele Deutsche – im höchsten Maße geschockt. Diese umfangreichen und systematischen Überwachungen stellen eine neue und erschreckende Qualität in der Einschränkung von Arbeitnehmerrechten dar.

Es leuchtet nicht ein, was Toilettengänge, mögliche Liebesbeziehungen oder Tätowierungen einzelner Mitarbeiter mit der Verhinderung von Diebstählen zu tun haben sollen. Vielmehr werden hier Würde und Persönlichkeitsrechte vieler Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit Füßen getreten. In einer sozialen Marktwirtschaft sind solche Vorgänge schlicht nicht hinnehmbar. Lidl muss jetzt den Weg frei machen und die flächendeckende Bildung von Betriebsräten ermöglichen. Betriebsräte bilden ein notwendiges Korrektiv nicht nur gegenüber der Unternehmensführung, sondern auch gegenüber den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Das wäre, analog der Mitteilung auf Ihrer Homepage, ein wirklich fairer Umgang mit Ihrer Belegschaft. Eine Unternehmenskultur, die offensichtlich auf Misstrauen gegenüber den eigenen Mitarbeitern fußt, sollte es in unserer Gesellschaft nicht geben.

In den vergangenen Tagen wurde zudem bekannt, dass neben den Mitarbeitern auch die Kunden von den Bespitzelungen betroffen sein sollen. Kameras in einigen Lidl-Filialen seien laut Medienberichten teilweise so installiert worden, dass sie im Kassenbereich auch die Eingabegeräte erfasst haben könnten, in die bei Kartenzahlung die Geheimnummer einzugeben ist. Auch wenn es keine Hinweise auf einen Missbrauch möglicher Aufnahmen gibt, stellen solche Vorfälle einen kaum vorstellbaren Tabu- und Vertrauensbruch dar. Ganzseitige
Entschuldigungen in vielen Tageszeitungen reichen dann nicht aus. Als Ihr regelmäßiger Kunde und als Mitglied des Niedersächsischen Landtags fordere Ich Sie zu einer dezidierten und lückenlosen Aufklärung auf. Ich erwarte ausführliche Antworten auf folgende Fragen:

1. Fand auch in Ihrer Lidl-Filiale eine Überwachung der Mitarbeiter statt?
2. Wurde bei der Verwendung von EC-Karten die Eingabe von Geheimnummern der Kunden aufgezeichnet?
3. Welche Schlüsse ziehen a) Sie bzw. b) die Verantwortlichen höheren Ortes aus diesen (vermeintlichen?) Enthüllungen?
4. Wird die Bildung eines Betriebsrates in Ihrer Filiale in Zukunft aktiv gefördert?

Ihren Antworten sehe ich mit größter Aufmerksamkeit entgegen!

Dieser offene Brief wird den Lidl-Filialen in Rotenburg, Sottrum, Zeven, Gnarrenburg und Bremervörde, sowie den lokalen Zeitungsredaktionen in den Landkreisen Rotenburg und Verden zugesandt.

Mit freundlichen Grüßen
Ralf Borngräber